L. M. SCHLÜTER
Autorin

Der blinde
Bartimäus
Der blinde Bartimäus
aus der Perspektive von Bartimäus
In der Bibel zu finden in:
Markus 10, Vers 46 bis 52
&
Matthäus 20, Vers 29 bis 34
&
Lukas 18, Vers 35 bis 43
[1] = Zitate aus der Übersetzung der Basisbibel; aus den Evangelien von
Matthäus, Lukas und Markus
Bartimäus Finger nestelten an der Krempe des Hutes. Immer wieder spürte er, wie die kleinen Fäden des Stoffes an seiner zerschlissenen Haut hängen blieben. Die Mauer in seinem Rücken spendete noch eine letzte Wärme der heutigen Sonne.
Er vermisste das Gefühl der Strahlen auf seinem Gesicht. Es machte die Finsternis so viel erträglicher, wenn es wenigstens warm war. In der Nacht kam ihm die alltägliche Schwärze bedrohlicher vor, obwohl er dann mit allen anderen gleichgestellt war. Wenn die Dunkelheit über hereinbrach, waren sie ebenbürtig. Am Tag war er der Einzige, der in der Finsternis wandeln musste.
Leise seufzend rutschte er von links nach rechts, um in eine bequemere Position zu kommen. Die kleinen Kieselsteine drückten unangenehm durch den dünnen Stoff seiner Hose. Der Hut in seiner Hand machte einen kleinen Ruck. Die wenigen Taler gaben ein leises Klimpern von sich.
Bartimäus richtete den Kopf nach oben, dort, wo ungefähr sein Gegenüber stehen musste, der ihm soeben etwas gespendet hatte.
»Danke«, sagte er und die Stimme antwortete viel weiter links, als er gedacht hätte. Er zwang sich zu einem Lächeln. Besonders in diesen Momenten wurde ihm bewusst wie abgeschnitten er von der Außenwelt doch war.
Resigniert schob er den Hut noch etwas weiter nach vorne und senkte demütig den Kopf. Vielleicht würde das Geld für ein vernünftiges Abendbrot reichen. Wenn denn überhaupt jemand bereit war, ihm etwas auszuhändigen. Die meisten Menschen bevorzugten es, einen großen Bogen um ihn zu machen, selbst wenn sie mit ihm ein Geschäft machen konnten.
Eine ganze Weile starrte er vor sich hin in die allumfassende Schwärze seines Daseins, als der Wind leises Gemurmel zu ihm herantrug.
Binnen weniger Minuten schwoll die Geräuschkulisse an.
Der Boden unter ihm vibrierte leicht.
Es mussten hunderte von Menschen sein, die dort auf ihn zukamen.
Hoffnungsvoll setzte er sich noch etwas auf und versuchte den Hut in eine Position zu bringen, wo er der Menge auffallen musste. Sein Körper versteinerte in der Zuversicht, dass zumindest ein paar Mitleid mit ihm haben würden.
Die Menschenmenge kam näher und Bartimäus Finger verkrampften sich um die Krempe des Hutes.
Bitte, dachte er, bitte seid gnädig mit mir.
Der Gedanke wuchs und mit ihm die Hoffnung, diese verzweifelte Zuversicht, die nur die Abhängigkeit von Spenden in ihm verursachen konnte. Ein bittersüßer Schmerz, der ihm über die Jahre allzu vertraut geworden war.
Doch plötzlich veränderte sich etwas. Die tiefe Traurigkeit verschob sich, löste sich auf, während die Hoffnung eine ungeahnte Größe erreichte.
Zuerst entspannten sich die Muskeln seiner Finger und der Hut fiel mit einem Klirren der Münzen zu Boden. Dann spannten sich seine Beine und Arme, brachten ihn zum Stehen. Sein Innerstes pochte und vibrierte vor Glück, es fühlte sich beinahe an, als würde er in Schwerelosigkeit dahin getragen. Es eroberte jeden Winkel seines Körpers und ließ seine Füße in Richtung der Menschenmenge stolpern.
Ohne dass er ihnen den Auftrag dazu gegeben hätte, formten seine Lippen die Worte: »Jesus, du Sohn Davids!« Eine Verzweiflung schwang darin, die Bartimäus noch nie aus seinem Mund gehört hatte.
Er rief noch lauter, noch flehender: »Hab Erbarmen mit mir!« [1]
Aus der Menge hörte er Stimmen, die ihn anfuhren: »Sei still!« [1]
Doch er hörte sie kaum. Das sehnende Gefühl in ihm trieb ihn voran. Er wusste, mit all seinem Herzen und seinem ganzen Verstand, dass dort Jesus war, nur wenige Meter entfernt. Und er wusste, dass er ihn heilen würde. »Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!« [1]
Da erklang eine warme, tiefe Stimme: »Ruf ihn her!« [1]
Die Stimmung der Menge kippte. Bartimäus hörte und spürte, wie ihn die Leute dazu ermutigten, zu dem Herrn zu gehen. Voller Mut warf er seinen Mantel ab, damit er so schnell zu Jesus kam, wie es ihm nur möglich war.
Da fragte ihn die Stimme inmitten der Schwärze: »Was willst du? Was soll ich für dich tun?« [1]
»Rabbuni, dass ich sehen kann!«, bat Bartimäus und erschrak selbst über seine Worte. [1] Normalerweise wäre er nie so forsch und direkt gewesen. Doch als Jesus ihn so fragte, drängte der Wunsch förmlich aus seinem Mund, ohne, dass er ihn hätte zurückhalten können.
»Geh nur, dein Glaube hat dich gerettet«, [1] sagte die warme Stimme und plötzlich begann die Schwärze vor seinen Augen sich in sanftes Grau zu verwandeln.
Es wurde heller und heller, bis er einzelne Farben erkennen konnte. Blauer Himmel, weiße Wolken, brauner Boden.
Bartimäus blinzelte mehrfach, dann wurde das Bild schärfer und er erkannte den Mann, der vor ihm stand.
Ein friedvolles Lächeln lag auf Jesu Lippen, das in perfektem Einklang mit der Intensität seiner Stimme stand. Seine Augen waren ganz auf Bartimäus gerichtet, als hätte er ihn schon immer gekannt und nur auf den Moment gewartet, dass sie einander gegenüberstanden.
Ohne zu zögern, folgte er Jesus auf seinem Weg und begann ihn zu loben, wie es ihm gebührte.
Hinter sich hörte er, wie die Volksmenge miteinstimmte.
Impuls
Ich muss bei dieser Bibelgeschichte immer wieder daran denken, dass Bartimäus ein Mann war, dessen Erlebnis mit Jesus bis heute kein bisschen an Relevanz verloren hat.
Er steht für Menschen, die am Rand der Gesellschaft sitzen, die übersehen, überhört und ignoriert werden. Die vielleicht sogar in ihrer Hilflosigkeit und Abhängigkeit gefangen sind.
Und gerade er, der Blinde, erkennt, was viele Sehende nicht verstanden haben: Denn mit seinem Ausruf »Sohn Davids« spricht er Jesus mit seinem messianischen Titel an. Sein Herz sieht klarer als die Volksmenge mit ihren Augen.
Und obwohl er Gegenwind bekommt, zum Schweigen ermahnt wird, rennt er weiter zu Jesus und schreit noch lauter. Sein Glaube, seine Erkenntnis, sein Wunder, seine Rettung lässt er sich nicht nehmen.
Und Jesus?
Der sieht, was andere nicht sehen. Wendet sich denen zu, die wir schon für verloren halten. Er kennt und sieht jeden, egal wie weit entfernt oder wie tief gefallen. Er macht keine Unterschiede, wie wir es jeden Tag bewusst oder unbewusst tun.
Und dann gibt er mitten in dieser Situation auch noch den Raum für den freien Willen. Obwohl er weiß, was der blinde Bartimäus braucht, fragt er ihn, was er will. Er gibt ihm die Chance, in Kontakt mit ihm zu kommen und seine Bitte eigenständig zu äußern, statt sie ihm einfach überzustülpen.
Und diese Entscheidung rettet Bartimäus schließlich. Das Vertrauen in Jesus und in seine Rolle als Messias ist es, die Bartimäus das Augenlicht schenkt.
Doch das größte an der Geschichte ist für mich eigentlich, wie ein ehemals Blinder schließlich Jesus folgt und beginnt, ihn zu preisen und zu ehren. Ein Bild, dass das gesamte Volk ansteckt, es ihm gleichzutun.
Weil echte Begegnung mit Jesus nicht mit Dankbarkeit endet, sondern weil dort die Nachfolge beginnt. Vertrauen, dass beschenkt wurde, wird zu einem Leben mit Jesus, dass andere mitreißt.
Er verändert Leben, wenn wir Ihn hineinlassen und Seine ausgestreckte Hand ergreifen.